Dienstag, 14. August 2012

Bei Grün darfst du fahren, bei Rot musst du probieren... – Unterschiede eines Lebens in China

Ich möchte euch heute durch eine Sammlung von kleinen Anekdoten das Leben in Shanghai ein wenig näher bringen, da es ja allgemein bekannt ist, dass hier vieles anders ist als bei uns. Ich habe jedoch den Eindruck, dass man das zwar oft so sagt, sich aber unter diesen abstrakten „vielen Unterschieden“ nicht wirklich etwas vorstellen kann. Fangen wir mit dem ersten Eindruck an, den ich hier gewonnen habe und der auch Titelgebend für diesen Eintrag ist: das Verkehrssystem. 

Bereits als ich von meinem Fahrer am Flughafen abgeholt wurde, war mir schnell klar, dass hier einiges anders funktioniert als bei uns. So herrscht hier generell die Regel, der Stärkere hat Vorfahrt und wer nicht wagt, gewinnt nicht. Selbst die Anwesenheit einer Polizeistreife hindert die Verkehrsteilnehmer nur kaum, da jedem bewusst ist, dass sich selbst das Sicherheitsorgan an keine Regeln hält (die haben lediglich den Vorteil, dass sie ihr Blaulicht einschalten können bevor sie eine rote Ampel überfahren). Generell wird hier eine Kreuzung passiert, wenn keine querenden Fahrzeuge vorhanden sind, das bedeutet keine Fahrräder, Motorräder, Elektroräder, Dreiräder, Kleinlaster, Großlaster, LKW, PKW, Fußgänger etc. Die Vielfalt an fahrbaren Untersätzen scheint schier unendlich zu sein, da alles was irgendwie fahrtauglich wirkt mit einem Elektromotor versehen wird. Damit wären wir beim nächsten Punkt: Es gibt hier sehr viele Elektroräder/-mopeds und -fahrzeuge. Ich habe meinen Chef diesbezüglich gefragt und er meinte, dass es ganz einfach so sei, dass Elektromobilität hier extrem billig sei, da die meisten mit ihrem Elektrorad in ihre Arbeitsstätten fahren, es dort aufladen und die Firma die Kosten übernimmt. Dass sie in der Nacht ohne Licht fahren, um Strom zu sparen, stört hier niemanden, da es schon ein Luxus ist, wenn man sein Rad überhaupt mit einer Lichtanlage ausstattet. Hervorragend finde ich, dass es beinahe überall links und rechts der sehr breiten Straßen Radwege gibt auf denen man sich als Radfahrer (der ich ja nun mittlerweile auch bin) sicher fortbewegen könnte, wären diese nicht grundsätzlich in beide Richtungen befahren. Es kann daher gut vorkommen, dass man zwar auf der „richtigen“ Seite der Straße fährt, doch auf den Gehsteig ausweichen muss, da einem sechs nebeneinanderfahrende Mopeds entgegenkommen. 
Verkehrssystem China
Alles wird hier zum LKW
Der nächste große Unterschied, der mir allerdings schon vor meiner Ankunft bekannt war, ist der schiere klimatische Wechsel. Ich habe mir niemals vorstellen können WIE heiß 36°C und 99% Luftfeuchtigkeit sein können. Es sei dazu nur gesagt, dass jedes Mal wenn ich aus der Firma hinausgehe, mir die Hitze im Schatten so vorkommt und so auf meiner Haut brennt, als würde ich um 12 Uhr in der prallen Mittagssonne in Italien stehen.. ohne Sonnenschutz. Auch der seit langem erhoffte Gewöhnungseffekt tritt nicht ein und wenn ich meine chinesischen Mitmenschen anschaue verliere ich auch immer mehr die Hoffnung, dass dies vor meiner Abreise geschehen wird. Überraschend finde ich, dass ich mich sehr schnell an den krassen Temperaturunterschied Büro-Außenwelt gewöhnt habe, da es für mich nichts Angenehmeres mehr gibt als ins Büro zu kommen, mich in meinen Sessel zu setzen und zu warten bis alles halbwegs trocken ist.

Ich habe an meinem ersten Abend ahnungslos mit Leitungswasser Nudeln gekocht und dachte mir nicht viel dabei. Am nächsten Tag erkundigte ich mich jedoch, da in meinem Zimmer eine große Flasche (25L) Wasser steht, ob denn das Wasser aus der Leitung nicht trinkbar sei, was mir die Dame an der Rezeption bestätigte. Ich erfuhr erst später warum dem so ist, als ich mit meinem Chef sprach. Er meinte, das Problem sei nicht etwa eine bakterielle Belastung des Wassers, sondern eine reine Verunreinigung durch chemische Stoffe, welche, bei langem kontinuierlichen Konsum, zu körperlichen Schäden und Krankheiten führen können. Seit dem nehme ich Abstand von jedem Leitungswasser und freue mich über die niedrigen Wasserpreise in Shanghai.
Parkanlage in der Nähe meines Hotels
Eine interessante Sichtweise der Chinesen wurde mir folgendermaßen offenbar: Als ich einige Mechaniker der AVL kennenlernen durfte, wurde mir einer unter ihnen als „the old man“ vorgestellt. Als klassischer „Westler“ fasste ich dies eher negativ auf, da man bei uns allgemein eher nicht gern als alter Mensch bezeichnet wird. Ich erinnerte mich jedoch an eine Sache die ich in meinem zugegeben sehr kurzen Chinesisch Unterricht letztes Jahr gelernt hatte: in China ist es ein Ehrentitel wenn man als „alter Mann“ bezeichnet wird, da er dafür steht, dass man bereits ein langes Leben hinter sich hat, viel Erfahrung hat und daher die jungen ausbilden und lehren kann, damit sie ebenfalls einmal so gut werden wie er es war. Ich achtete im Folgenden darauf auch ein wenig auf die Gespräche der Mechaniker, und hörte des Öfteren „Shi Fu“ heraus, was so viel wie Meister heißt. Ich fand auf diese Art heraus, dass die Vorstellung als „old man“ nicht etwa herablassend gemeint war, sondern gedacht war um dem Meister Respekt zu zollen. Ich fand im Übrigen im Laufe der Zeit heraus, dass jener „alte Mann“ nach wie vor ein wahnsinnig geschickter Handwerker ist, welcher jeden Teil, um den man ihn bat, in kürzester Zeit herausdrehen, fräsen, bohren, schweißen oder schneiden konnte. Und er passte stets genau.

Eine letzte interessante Eigenschaft, die einigen schon bekannt sein dürfte, möchte ich noch hervorheben: Die meisten Chinesen können Fremdsprachen nicht besonders gut. So ist schon eine Fahrt mit dem Taxi eine große Herausforderung, da nicht einmal die Taxifahrer Englisch lesen können, geschweige denn Englisch sprechen. Jedoch ist es interessant zu sehen, wie sich dann doch eine Art der Kommunikation ermöglichen lässt. So habe ich es schon 2-3 Mal erlebt, dass ein Straßenhändler mit mir zwar nicht sprechen konnte, wir jedoch mit Händen und Füßen, und imaginärem „Aufmalen“ der zu zahlenden Summe auf die Handfläche es schafften uns auf einen Preis zu einigen (auch das Handeln ist so eine eigene Sache in China^^). Auch mit Taxifahrern gewöhnt man sich mit der Zeit daran immer ein Karte dabeizuhaben, auf welcher nicht nur die Zieladresse in chinesischer Schrift sondern besonders wichtig auch die Adresse des Hotels steht. 
Straßenmarkt
Mein Hotel von zwei Standpunkten betrachtet

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