Ich möchte euch heute durch eine Sammlung von kleinen Anekdoten
das Leben in Shanghai ein wenig näher bringen, da es ja allgemein bekannt ist,
dass hier vieles anders ist als bei uns. Ich habe jedoch den Eindruck, dass man
das zwar oft so sagt, sich aber unter diesen abstrakten „vielen Unterschieden“
nicht wirklich etwas vorstellen kann. Fangen wir mit dem ersten Eindruck an,
den ich hier gewonnen habe und der auch Titelgebend für diesen Eintrag ist: das
Verkehrssystem.
Bereits als ich von meinem Fahrer am Flughafen abgeholt
wurde, war mir schnell klar, dass hier einiges anders funktioniert als bei uns.
So herrscht hier generell die Regel, der Stärkere hat Vorfahrt und wer nicht
wagt, gewinnt nicht. Selbst die Anwesenheit einer Polizeistreife hindert die
Verkehrsteilnehmer nur kaum, da jedem bewusst ist, dass sich selbst das
Sicherheitsorgan an keine Regeln hält (die haben lediglich den Vorteil, dass
sie ihr Blaulicht einschalten können bevor sie eine rote Ampel überfahren).
Generell wird hier eine Kreuzung passiert, wenn keine querenden Fahrzeuge
vorhanden sind, das bedeutet keine Fahrräder, Motorräder, Elektroräder,
Dreiräder, Kleinlaster, Großlaster, LKW, PKW, Fußgänger etc. Die Vielfalt an
fahrbaren Untersätzen scheint schier unendlich zu sein, da alles was irgendwie
fahrtauglich wirkt mit einem Elektromotor versehen wird. Damit wären wir beim
nächsten Punkt: Es gibt hier sehr viele Elektroräder/-mopeds und -fahrzeuge.
Ich habe meinen Chef diesbezüglich gefragt und er meinte, dass es ganz einfach
so sei, dass Elektromobilität hier extrem billig sei, da die meisten mit ihrem
Elektrorad in ihre Arbeitsstätten fahren, es dort aufladen und die Firma die
Kosten übernimmt. Dass sie in der Nacht ohne Licht fahren, um Strom zu sparen,
stört hier niemanden, da es schon ein Luxus ist, wenn man sein Rad überhaupt
mit einer Lichtanlage ausstattet. Hervorragend finde ich, dass es beinahe
überall links und rechts der sehr breiten Straßen Radwege gibt auf denen man
sich als Radfahrer (der ich ja nun mittlerweile auch bin) sicher fortbewegen
könnte, wären diese nicht grundsätzlich in beide Richtungen befahren. Es kann
daher gut vorkommen, dass man zwar auf der „richtigen“ Seite der Straße fährt,
doch auf den Gehsteig ausweichen muss, da einem sechs nebeneinanderfahrende
Mopeds entgegenkommen.
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| Verkehrssystem China |
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| Alles wird hier zum LKW |
Der nächste große Unterschied, der mir allerdings schon vor
meiner Ankunft bekannt war, ist der schiere klimatische Wechsel. Ich habe mir
niemals vorstellen können WIE heiß 36°C und 99% Luftfeuchtigkeit sein können.
Es sei dazu nur gesagt, dass jedes Mal wenn ich aus der Firma hinausgehe, mir
die Hitze im Schatten so vorkommt und so auf meiner Haut brennt, als würde ich
um 12 Uhr in der prallen Mittagssonne in Italien stehen.. ohne Sonnenschutz.
Auch der seit langem erhoffte Gewöhnungseffekt tritt nicht ein und wenn ich
meine chinesischen Mitmenschen anschaue verliere ich auch immer mehr die
Hoffnung, dass dies vor meiner Abreise geschehen wird. Überraschend finde ich,
dass ich mich sehr schnell an den krassen Temperaturunterschied Büro-Außenwelt
gewöhnt habe, da es für mich nichts Angenehmeres mehr gibt als ins Büro zu
kommen, mich in meinen Sessel zu setzen und zu warten bis alles halbwegs
trocken ist.
Ich habe an meinem ersten Abend ahnungslos mit
Leitungswasser Nudeln gekocht und dachte mir nicht viel dabei. Am nächsten Tag
erkundigte ich mich jedoch, da in meinem Zimmer eine große Flasche (25L) Wasser
steht, ob denn das Wasser aus der Leitung nicht trinkbar sei, was mir die Dame
an der Rezeption bestätigte. Ich erfuhr erst später warum dem so ist, als ich
mit meinem Chef sprach. Er meinte, das Problem sei nicht etwa eine bakterielle
Belastung des Wassers, sondern eine reine Verunreinigung durch chemische
Stoffe, welche, bei langem kontinuierlichen Konsum, zu körperlichen Schäden und
Krankheiten führen können. Seit dem nehme ich Abstand von jedem Leitungswasser
und freue mich über die niedrigen Wasserpreise in Shanghai.
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| Parkanlage in der Nähe meines Hotels |
Eine interessante Sichtweise der Chinesen wurde mir
folgendermaßen offenbar: Als ich einige Mechaniker der AVL kennenlernen durfte,
wurde mir einer unter ihnen als „the old man“ vorgestellt. Als klassischer „Westler“
fasste ich dies eher negativ auf, da man bei uns allgemein eher nicht gern als
alter Mensch bezeichnet wird. Ich erinnerte mich jedoch an eine Sache die ich
in meinem zugegeben sehr kurzen Chinesisch Unterricht letztes Jahr gelernt
hatte: in China ist es ein Ehrentitel wenn man als „alter Mann“ bezeichnet
wird, da er dafür steht, dass man bereits ein langes Leben hinter sich hat,
viel Erfahrung hat und daher die jungen ausbilden und lehren kann, damit sie
ebenfalls einmal so gut werden wie er es war. Ich achtete im Folgenden darauf
auch ein wenig auf die Gespräche der Mechaniker, und hörte des Öfteren „Shi Fu“
heraus, was so viel wie Meister heißt. Ich fand auf diese Art heraus, dass die
Vorstellung als „old man“ nicht etwa herablassend gemeint war, sondern gedacht
war um dem Meister Respekt zu zollen. Ich fand im Übrigen im Laufe der Zeit
heraus, dass jener „alte Mann“ nach wie vor ein wahnsinnig geschickter
Handwerker ist, welcher jeden Teil, um den man ihn bat, in kürzester Zeit
herausdrehen, fräsen, bohren, schweißen oder schneiden konnte. Und er passte
stets genau.
Eine letzte interessante Eigenschaft, die einigen schon
bekannt sein dürfte, möchte ich noch hervorheben: Die meisten Chinesen können
Fremdsprachen nicht besonders gut. So ist schon eine Fahrt mit dem Taxi eine
große Herausforderung, da nicht einmal die Taxifahrer Englisch lesen können,
geschweige denn Englisch sprechen. Jedoch ist es interessant zu sehen, wie sich
dann doch eine Art der Kommunikation ermöglichen lässt. So habe ich es schon
2-3 Mal erlebt, dass ein Straßenhändler mit mir zwar nicht sprechen konnte, wir
jedoch mit Händen und Füßen, und imaginärem „Aufmalen“ der zu zahlenden Summe
auf die Handfläche es schafften uns auf einen Preis zu einigen (auch das
Handeln ist so eine eigene Sache in China^^). Auch mit Taxifahrern gewöhnt man
sich mit der Zeit daran immer ein Karte dabeizuhaben, auf welcher nicht nur die
Zieladresse in chinesischer Schrift sondern besonders wichtig auch die Adresse
des Hotels steht.
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| Straßenmarkt |
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| Mein Hotel von zwei Standpunkten betrachtet |





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